Liest du auch oft in den sozialen Medien, wie genau ein bedürfnisorientiertes Familienleben funktioniert? Respektvoll? Auf Augenhöhe? Stets geduldig? Mit achtsamer Kommunikation? Setzt dich dieses Bild unter Druck?
Mich persönlich hat das Bild, das in den sozialen Medien gezeichnet wird, sehr unter Druck gesetzt. Konnte ich diesem Bild entsprechen? Nein, ich konnte es nicht. Ich wurde hin und wieder laut gegenüber meinem Kind. An manchen Tagen war ich so müde, dass es mir sehr schwer viel den ganzen Tag ruhig zu bleiben. Daraus hat sich nach einer gewissen Zeit das Bild in mir verfestigt, dass ich auf diese Art ja auf gar keinen Fall eine gute Mama sein könne. Mit der Folge, dass ich mich immer schlechter gefühlt und immer öfter weg gewünscht habe. Und was soll ich sagen? Die Situation hat sich verschlimmert, ich wurde immer gestresster und habe meinen Mann beneidet, der die Möglichkeit hatte, jeden Tag einige Stunden bei der Arbeit zu verbringen.
Aber was war eigentlich das Problem? Unser Kind sicher nicht! Dass ich eine schlechte Mama war, sehr wahrscheinlich auch nicht. Ich hatte häufig Postings gelesen, in denen es um das feinfühlige und geduldige begleiten von Kindern geht und wo das Bild vermittelt wird, dass es ausschlaggebend sei einfach ausreichend feinfühlig und geduldig zu sein, dann würde das Kind schon kooperieren. In der Realität passierte aber folgendes: Mein Kind kam in die Autonomiephase und es gab Situationen, da war es einfach völlig egal, wie feinfühlig und geduldig ich etwas sagte, mein Kind blieb bei seinem kategorischen "Nein!" oder dem lautstark vorgebrachten Protest. Nach der zehnten freundlich vorgebrachten Bitte, wurde ich laut, mein Kind wurde noch lauter und ich habe mich immer schlechter gefühlt.
Was mit in vielen Postings schlichtweg gefehlt hat, ist die Tatsache, dass wir als Eltern auch die Aufgabe haben Dinge durchzusetzen, die unabänderlich sind und dass auch nicht in jedem Punkt des Familienlebens die Zustimmung des Kindes eingeholt werden kann. Unsere Aufgabe als Eltern ist es nicht Frustration von unseren Kindern fernzuhalten. Halten wir jegliche Frustration von unseren Kindern fern, haben wir eher das Problem, dass wir sie tatsächlich verwöhnen. Es ist unseren Kindern auch ihrer Reise auf dem Meer des Lebens als Leuchtturm den Weg zu weisen. Wir leuchten auch dann weiter, wenn unsere Kinder ins Straucheln kommen. Aber was bedeutet das jetzt konkret?
Ich habe oft eine Aussage getroffen und ein "ok?" angehängt. Vielleicht aus verinnerlichter Höflichkeit oder weil ich der Meinung war, dass ich auf die Meinung meines Kindes achten und sie zählen lassen sollte. Aber dort, wo ein "Nein" keine Option ist, brauche ich auch keine Frage stellen, auf die man mit "Nein!" antworten kann. Es gibt.
Bedürfnisorientierung bedeutet, dass wir uns für die Meinung unseres Kindes interessieren und sie hören. Es gibt auch Entscheidungen, die wir bedenkenlos dem Kind überlassen können. Mit zunehmendem Alter werden diese Entscheidungen natürlich auch mehr. Es bedeutet aber auch, dass wir als Erwachsene über mehr Lebenserfahrung und Weitsicht verfügen und entsprechend Konsequenzen abschätzen können. Somit ist klar, dass wir entscheiden, dass das Kind die Zähne putzen muss. Wie und wo wir putzen kann das Kind selbstverständlich mitentscheiden.
So dürfen wir aber auch die Entscheidung treffen, dass das Kind z.B. nicht mehr mit der Mama, sondern mit dem Papa oder mit einer anderen Bezugsperson einschlafen wird oder dass man nicht mehr einschlafstillen möchte oder andere Entscheidungen, die Eltern treffen, weil auch sie Bedürfnisse haben, die ebenfalls gesehen und Bedeutung im Familienleben haben müssen.
Wenn das Kind mit etwas nicht einverstanden ist, ist es in Ordnung, wenn es seinen Protest dazu äußert. Es sollte immer klar sein, dass es diese Gefühle haben und äußern darf. Wir begleiten den Gefühlssturm des Kindes. Aber deshalb müssen wir unsere Entscheidung nicht revidieren. Nach dem Gefühlssturm kann die Gelegenheit genutzt werden dem Kind zu erklären, warum man eine Entscheidung so und nicht anders getroffen hat. Kinder dürfen (oder vielleicht sollte ich sogar sagen müssen) weinen. Weinen hat neben dem Gefühlsausdruck auch viele positive Eigenschaften wie Stressabbau und Regulation. So lange das Weinen und der Gefühlsausbruch begleitet wird, stärkt es die Bindung. Es ist auch nicht unsere Aufgabe als Eltern, dass ein Kind niemals weienen darf. Aber wir sollten das Kind nicht alleine weinen lassen. Wenn wir die Entscheidung treffen, dass künftig auch eine andere Bezugsperson die Einschhlafbegleitung übernehmen soll und das Kind dies zunächst beängstigend findet und deshalb weint, dann ist das kein Weinen lassen, wenn die andere Bezugsperson für das Kind da ist.
Ein bedürfnisorientiertes Familienleben zeichnet sich nicht etwas dadurch aus, dass es keine Konflikte geben würde. Konflikte gibt es in jeder Familie. Vielmehr versuchen Familien, die bedürfnisorientier leben, Konflikte gewaltfrei zu lösen und der Gehorsam des Kindes ist nicht das Erziehungsziel. Vielmehr geht es darum, das Kind mit Respekt und auf Augenhöhe zu behandeln und auch dann, wenn wir als Eltern eine Entscheidung durchsetzen müssen, die dabei aufkommenden Gefühle des Kindes ernst nehmen, anstatt sie klein zu reden und sie begleiten. Kinder brauchen Grenzen und Regeln um Sicherheit und Orientierung zu erfahren. Aber sie brauchen keinen strafenden Erziehungsstil.
Ganz besonders brauchen Kinder Bezugspersonen, die es schaffen können gelassen und geduldig zu bleiben. Das bedeutet eben auch, dass die Bezugspersonen auf sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse achten müssen. Erwachsene sind besser als Kinder in der Lage ihre Bedürfnisse für eine Weile aufzuschieben, aber werden die Bedürfnisse der Bezugspersonen für eine längere Dauer nicht mehr gesehen und können nicht mehr erfüllt werden, führt dies irgendwann zu Unzufriedenheit. Ebenso verhält es sich mit unserem Leben in einer Welt, die dafür sorgt, dass wir uns fast dauerhaft gestresst fühlen. Unzufriedene und gestresste Bezugspersonen sind nicht mehr in der Lage so feinfühlig zu reagieren, wie zufriedene und entspannte Bezugspersonen.
Wir müssen als Eltern nicht perfekt sein, es ist ausreichend, wenn wir unser Bestes geben. Wenn wir es einmal nicht schaffen, ist auch das in Ordnung. Ein bedürfnisorientiertes Familienleben bemisst sich nicht an einzelnen Situationen und die Bindung zum Kind zerbricht nicht daran, dass wir es mal nicht schaffen perfekt geduldig und feinfühlig zu reagieren. Es bemisst sich viel mehr daran, wie in der Regel das Familienleben aussieht. Dazu kann auch gehören, dass man sich ernsthaft entschuldigt, wenn man sich falsch verhalten hat. Kinder lernen am Vorbild der Bezugspersonen. Auch wie man sich verhält, wenn man sich einmal falsch verhalten hat.
Eltern, die kleine Kinder ins Leben begleiten, brauchen Unterstützung und keine Anforderung, die Perfektion suggerieren, die niemand leisten kann und auch nicht muss und sie brauchen Entlastung, so dass sie auch in der Lage sind auf ihre Bedürfnisse zu achten und Enspannung zu finden.

